Der Entschluss des Gemeindevorstandes, eine Neugestaltung der Fenster im Erdgeschoss zu wagen, zeigt, dass die Bilderfeindlichkeit der reformierten Kirchen sich als überholt erwiesen hat und die Furcht vor falscher Bilderverehrung nunmehr unbegründet ist und unsinnig.

Wenn nur diese kitschig bonbon-farbenen Fenster des ‘Starkünstlers’ nicht selbst schon ‘überholt’ sind!

Das Zitat Sigmar Polkes in: Philipp Meier: Keine Furcht vor falscher Bilderverehrung, in: NZZ, 2009-10-03.

Einmal noch den Abend halten
Im versinkenden Gefühl!
Der Gestalten, der Gewalten
sind zu viel.

Sie umbrausen den verwegnen Leuchter,
Der die Nacht erhellt.
Fiebriger und feuchter
Glänzt das Angesicht der Welt.

Erste Sterne, erste Tropfen regnen,
Immer süsser singt das Blatt am Baum.
Und die brüderlichen Blitze segnen
Blau wie Veilchen den erwachten Traum.

Erinnerung an den Sommer.

Klabund (1890-1928), Abdruck in: Tages-Anzeiger, 2012-12-05.

Und so, wie dieser Riss zwischen Afrika und Europa viele Schichten unter der Meeresoberfläche birgt, so differenziert ergründet die Künstlerin das Leben in Tanger: Menschen blicken von verlassenen Brachen aufs Meer, überwucherte Ruinen erinnern an vergangenen Luxus, Kinder schlüpfen zum Spiel durch Zäune oder bekränzen sich mit Blumen. Postkoloniale Geschichte, Bausünden eines rücksichtslosen Ferienkapitalismus und Poesie des Alltags finden in Barradas Fotografien Niederschlag. Sie sind Dokumentation und Allegorie in einem.

Feli Schindler: Riffs. Zwischen Traum und Albtraum [Besprechung der Ausstellung im Fotomuseum Winterthur, bis 10. Februar 2013], in: Züritipp, tagesanzeiger.ch, 2012-11-28.

Video: Künstlerin Yto Barrada spricht über das Leben in Tangier, einer Stadt an der nördlichen Küste Marokkos, bei der Strasse von Gibraltar.

Bündner Wildhüter zeigen, wie die Wölfe am Calanda überwacht werden. Mehr

Eine interaktive Karte der Schweiz in Hinblick auf die Themen: Biodiversität, Umwelt, Landschaft (Quelle: bafu 2012).

Bild: Auenlandschaft der Kleinen Emme in der Nähe von Entlebuch (Foto: Simon Koopmann, 2007).

Die Brockengespenster werden fast immer von einem farbigen Lichterkranz umgeben. Man nennt sie Glorie. Diese entsteht, wenn sich das Licht an fein verteilten, kugelförmigen Tröpfchen der feuchten Luft bricht.

(hap): Unheimliche Gestalten auf dem Hochwang, in: südosstschweiz.ch, 2012-10-01.

Bild: Arno Mainetti (2012)

Ihre andersartige Sprache, ihr Wesen und Werken liebte ich von je besonders, und später habe ich angefangen, auf all das zu achten und das eine und andre aufzuschreiben.
Paul Zinsli (1906-2001): Autobiographische Skizze, in: Arnold Büchli: Mythologische Landeskunde von Graubünden, Aarau 1966.

Noch fast gleichgültig

Noch fast gleichgültig ist dieses Mit-dir-sein…
Doch über ein Jahr schon, Erwachsenere, kann es vielleicht dem Einen,
der dich gewahrt, unendlich bedeuten:
Mit dir sein!

Ist Zeit nichts? Auf einmal kommt doch durch sie
dein Wunder. Daß diese Arme,
gestern dir selber fast lästig, einem,
den du nicht kennst, plötzlich Heimat
versprechen, die er nicht kannte. Heimat und Zukunft.

Daß er zu ihnen, wie nach Sankt-Jago di Compostella,
den härtesten Weg gehen will, lange,
alles verlassend. Daß ihn schon die Richtung
zu dir ergreift. Allein schon die Richtung
scheint ihm das Meiste. Er wagt kaum,
jemals ein Herz zu erhalten, das ankommt.

Gewölbter auf einmal, verdrängt deine heitere Brust
ein wenig mehr Mailuft: dies wird sein Atem sein,
dieses Verdrängte, das nach dir duftet.

Rainer Maria Rilke (1875-1926):Aus dem Nachlass.

Orpheus. Eurydike. Hermes

Das war der Seelen wunderliches Bergwerk.
Wie stille Silbererze gingen sie
als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln
entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen,
und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel.
Sonst war nichts Rotes.

Felsen waren da
und wesenlose Wälder. Brücken über Leeres
und jener große blinde Teich,
der über seinem fernen Grunde hing
wie Regenhimmel über einer Landschaft.
Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut,
erschien des einen Weges blasser Streifen,
wie eine lange Bleiche hingelegt.
Und dieses einen Weges kamen sie.

Voran der schlanke Mann im blauen Mantel,
der stumm und ungeduldig vor sich aussah.
Ohne zu kauen fraß sein Schritt den Weg
in große Bissen; seine Hände hingen
schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten
und wußten nicht mehr von der leichten Leier
die in die Linke eingewachsen war
wie Rosenranken in den Ast des Ölbaums.
Und seine Sinne waren wie entzweit:
indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief,
umkehrte, kam und wieder weit
und wartend an der nächsten Wendung stand, -
blieb sein Gehör wie ein Geruch zurück.
Manchmal erschien es ihm als reichte es
bis an das Gehen jener beiden andern,
die folgen sollten diesem seinen Aufstieg.
Dann wieder wars nur seines Steigens Nachklang
und seines Mantels Wind was hinter ihm war.
Er aber sagte sich, sie kämen doch;
sagte es laut und hörte sich verhallen.
Sie kämen doch, nur wärens zwei
die furchtbar leise gingen. Dürfte er
sich einmal wenden (wäre das Zurückschaun
nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes,
das erst vollbracht wird), müßte er sie sehen,
die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn:

Den Gott des Ganges und der weiten Botschaft,
die Reisehaube über hellen Augen,
den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe
und flügelschlagend an den Fußgelenken;
und seiner linken Hand gegeben: sie.

Die So-geliebte, daß aus einer Leier
mehr Klagen kam als je aus Klagefrauen;
daß eine Welt aus Klage ward, in der
alles noch einmal war: Wald und Tal
und Weg und Ortschaft, Feld und Fluß und Tier;
und daß um diese Klage-Welt, ganz so
wie um die andre Erde, eine Sonne
und ein gestirnter stiller Himmel ging,
ein Klage-Himmel mit entstellten Sternen - :
Diese So-geliebte.

Sie aber ging an jenes Gottes Hand,
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.
Sie war in sich, wie Eine hoher Hoffnung,
und dachte nicht des Mannes, der voranging,
und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg.

Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein
erfüllte sie wie Fülle.
Wie eine Frucht von Süßigkeit und Dunkel,
so war sie voll von ihrem großen Tode,
der also neu war, daß sie nichts begriff.

Sie war in einem neuen Mädchentum
und unberührbar; ihr Geschlecht war zu
wie eine junge Blume gegen Abend,
und ihre Hände waren der Vermählung
so sehr entwöhnt, daß selbst des leichten Gottes
unendlich leise, leitende Berührung
sie kränkte wie zu sehr Vertraulichkeit.

Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau,
die in des Dichters Liedern manchmal anklang,
nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland
und jenes Mannes Eigentum nicht mehr.
Sie war schon aufgelöst wie langes Haar
und hingegeben wie gefallner Regen
und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat.

Sie war schon Wurzel.
Und als plötzlich jäh
der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf
die Worte sprach: Er hat sich umgewendet -,
begriff sie nichts und sagte leise: Wer?

Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,
stand irgend jemand, dessen Angesicht
nicht zu erkennen war. Er stand und sah,
wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades
mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft
sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,
die schon zurückging dieses selben Weges,
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.

Rainer Maria Rilke (1875-1926): Neue Gedichte, 1907.

Zum Einschlafen zu sagen

Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüßte: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.

Rainer Maria Rilke (1875-1926): Das Buch der Bilder.